Informationen über das Buch: Mouches Volantes - Die Leuchtstruktur des Bewusstseins.


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August 2006

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Trennbild in den Mouches Volantes News

Punkte und Fäden vor den Augen: Glaskörpertrübung oder Bewusstseinslicht?


Dies ist der Newsletter von Floco Tausin. Seit vielen Jahren widme ich mich der Erforschung von Bewusstsein und aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen durch Denken, Fühlen und eigenes Erleben. Die Vermittlung von Nestor, einem im Emmental lebenden Seher, führte mich zu einem ganzheitlichen Studium der so genannten Mouches volantes (frz. für fliegende Mücken), siehe Bilder. Dies sind bewegliche Punkte und Fäden vor unseren Augen, deren Veränderlichkeit erfahrungsgemäss veränderten Bewusstseinszuständen entsprechen. Die Hauptthese von Nestor, die in meiner Arbeit überprüft werden soll, ist so originell wie provokativ: Mouches volantes sind erste Erscheinungen einer leuchtenden Bewusstseinsstruktur, in welcher wir einen Weg zu unserem geistigen Ursprung zurücklegen. Diesen Weg können wir sehen und erleben. Die Punkte und Fäden haben daher als Konzentrations- und Meditationsobjekt eine Schlüsselposition in unserer Bewusstseinsentwicklung.

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Trennbild in den Mouches Volantes News

Meditation mit offenen Augen:
Mouches volantes als Objekt der Konzentration


Regelmässiges Meditieren fördert die Entwicklung eines inneren Sinns, der uns subtile Erscheinungen wahrnehmen lässt. Ausdruck eines erwachenden inneren Sinns sind unter anderem die Mouches volantes. Von daher eignen sich unsere beweglichen Punkte und Fäden hervorragend als Gegenstand der Konzentration und Meditation. Die vier letzten Stufen der Yoga Sutras des Patanjali, die sich mit Meditation befassen, werden in diesem Essay auf die fliegenden Mücken angewendet.

„O Sohn der Kunti, die Sinne sind ungestüm und beherrschen den Geist sogar desjenigen Menschen, der um Unterscheidungsvermögen bemüht ist.“ Das Sinnesglück sei trügerisch, denn es sei „am Anfang wie Nektar, am Ende wie Gift.“
So klärt Krishna den Helden Arjuna in der heiligen indischen Schrift Bhagavadgita auf. Seit jeher studierten Philosophen und Mystiker das Zusammenspiel von Sinnesorganen, Sinnesobjekten, Denken und Bewusstsein – und kamen darauf, dass eine ungezügelte Sinnestätigkeit auf dem Weg zur Selbst- bzw. Gotteserkenntnis ein Hindernis darstellt.

Heisst das nun, dass wir die Augen verschliessen und die Ohren verstopfen sollten, wenn wir um ein spirituelles und bewussteres Leben bemüht sind? Natürlich nicht, vielmehr geht es darum, unsere Sinnestätigkeit auch für die Bewusstseinsentwicklung einzusetzen. Dazu haben uns die Weisen früherer Zeiten ein wunderbares Instrument zur Hand gegeben: die Meditation.

Der innere Sinn
Das Ziel der Meditation ist es letztlich zu einer befreienden Erkenntnis der Welt und von sich selbst zu gelangen, die ungetrübt ist durch Gedanken und Gefühle. Nach der Auffassung indischer Yogis kann eine solche subtile Erkenntnis nur durch die Verbindung eines subtilen Sinnesorgans mit einem subtilen Sinnesobjekt zustande kommen. Diesen subtilen Sinn bezeichne ich in Anlehnung an meinen Lehrer Nestor als „inneren Sinn“. Nestor versteht diesen inneren Sinn nicht als sechsten Sinn, sondern als Zusammenfassung aller fünf Sinne. Der innere Sinn steht somit in unmittelbarer Beziehung zu den körperlichen Sinnen, welche durch diesen „verinnerlicht“ werden.

Das Allsehende Auge am Aachener Dom
Quelle: Das Allsehende Auge am Aachener Dom.

Obwohl dieser innere Sinn keine offensichtliche physiologische Entsprechung hat, wird er von vielen Kulturen symbolisch in seinem visuellen Aspekt dargestellt, dem dritten Auge. In den östlichen Religionen symbolisiert das dritte Auge göttliche Weisheit und Befreiung; berühmt ist seine tantrische Entsprechung im zweiblättrigen Anja Chakra zwischen den Augen. Im Christentum kann das „einfältige“ oder „durchlässige“ Auge bei Mt. 6, 22 sowie das göttliche allsehende Auge in einem Dreieck als drittes Auge verstanden werden. Und selbst in der westlich-wissenschaftlichen Tradition gibt es Vorstellungen von einem inneren Auge, welches mehr wahrnehmen kann als die üblichen optischen Reize. Dieses wird mit bestimmten Hirnbereichen wie der Zirbeldrüse assoziiert.

Die Zirbeldrüse als wahrnehmende Seele bzw. als „inneres Auge“, nach René Descartes.
Quelle: Die Zirbeldrüse als wahrnehmende Seele bzw. als „inneres Auge“, nach René Descartes.

Meditation zur Entwicklung des inneren Sinns
Wer regelmässig meditiert, mag bereits erste Aspekte eines erwachenden inneren Sinns erfahren haben, beispielsweise subjektive visuelle Erscheinungen, ekstatische Gefühle oder intuitive Einsichten. Doch damit dieser Sinn zur vollen Blüte gelangt, sind Jahre und Jahrzehnte der Übung notwendig. Ein Mensch, der bereit ist zu üben, sollte eine Meditationsmethode wählen, die direkt mit dem inneren Sinn, bzw. mit dessen Objekten und Funktion, arbeitet.

Ein guter Ausgangspunkt für eine solche Meditation sind die Yoga Sutras des indischen Philosophen Patanjali. Sein achtgliedriger Stufenweg befasst sich zunächst mit ethischen Lebenshaltungen sowie Körper- und Atemübungen. Diese Übungen führen zu geistiger und körperlicher Ausgeglichenheit und sind Voraussetzungen für ein gutes Gelingen der Meditation. Die vier aufeinander folgenden Stadien der Meditation sind: das Zurückziehen der Sinne (Pratyahara), die Konzentration (Dharana), die Meditation (Dhyana) und die Versenkung bzw. Kontemplation (Samadhi). Diese Meditation kann nach Patanjali über grobe oder feinstoffliche Objekte angewendet werden, wobei ich hier nur auf die feinstofflichen bzw. subtilen Objekte eingehe, auf die Objekte des inneren Sinns.

Feinstoffliche Meditationsobjekte können zwar auch Gefühle und Gedanken sein, doch für die Entwicklung des inneren Sinns eignen sich jene Objekte besonders gut, die sich durch eine Verbindung des inneren Sinns mit dem Augensinn ergeben. Gemeint sind die subjektiven visuellen Phänomene, die in der Physiologie als „entoptische Erscheinungen“ bekannt sind und nur teilweise erklärt werden können. Entoptische Erscheinungen sind solche Phänomene, die der Betrachter ausserhalb von sich zu sehen glaubt, die aber in ihm selbst entstehen. Dazu gehören z.B. kontrastfarbene Nachbilder, aufleuchtende Sternchen, bewegliche Punkte und Fäden im Blickfeld (Mouches volantes), sowie geometrische Strukturen, die in veränderten Bewusstseinszuständen durch Trance und Ekstasetechniken auftreten können. Solche entoptischen Erscheinungen wurden von Menschen seit jeher beobachtet, mit religiöser Bedeutung versehen und als Konzentrationsobjekte verwendet. Davon zeugen beispielsweise die geometrischen Muster in der Kunst heutiger und längst vergangener Gesellschaften, bei denen bewusstseinsverändernde Praktiken und Trance zum religiösen Ritual gehören.

Meditation über bewegliche Punkte und Fäden nach Patanjali
Als eines dieser subtilen visuellen Phänomene sind Mouches volantes ein erstklassiges Meditationsobjekt: Sie bilden bei jedem von uns ein individuelles Muster und sind somit ein unverwechselbarer Ausdruck unserer Selbst, so wie ein Daumenabdruck. Wir brauchen sie nicht mit uns herumzutragen und können trotzdem über sie meditieren, wann und wo wir wollen – ein kraftvoller Augenaufschlag genügt um sie in unser Blickfeld zu holen. Als entoptisches Phänomen verbinden Mouches volantes unsere Innenwelt und Aussenwelt; der Blick auf sie ist der Blick in unser Inneres. Die Meditation über unsere Punkte und Fäden ist zudem eine Meditation mit offenen Augen, die als solche den Vorzug hat, uns wach zu halten und uns mit der Energie des Tageslichtes zu versorgen – weshalb sie auch von vielen Meditationsexperten empfohlen wird.

Mouches volantes als Konzentrationsobjekt für die Meditation mit offenen Augen.
Quelle: Mouches volantes als Konzentrationsobjekt für die Meditation mit offenen Augen.

Wie sehen nun die vier Stufen der Meditation nach Patanjali bezogen auf die Konzentration auf Mouches volantes aus?

Die erste der vier Stufen des Meditationsprozesses ist das Zurückziehen der Sinne (Pratyahara). Dies bedeutet, dass wir die Objekte des inneren Sinns, die Punkte und Fäden, in unser Blickfeld holen und bewusst auf sie schauen. Dabei passiert es, dass wir unsere fünf Sinne von den materiellen Sinnesobjekten zurückziehen und die Energie, die sie normalerweise für ihr Funktionieren brauchen, in den inneren Sinn leiten. In dieser ersten Stufe kundschaften wir unsere Punkte und Fäden aus, lernen ihre Formen, Konstellationen und Bewegungen kennen, sehen, dass es Punkte und Fäden im linken wie im rechten Auge bzw. Bewusstsein gibt, und dass wir uns immer nur auf eine Seite konzentrieren können.
Dabei stellen wir fest, dass es nicht einfach ist, diese Punkte und Fäden zu betrachten, denn sie driften dauernd weg, tendenziell nach unten. Nur durch Augenbewegungen bzw. die Neuausrichtung unseres Blicks vermögen wir sie im Blickfeld zu halten. Hier haben wir einen direkten körperlich-visuellen Ausdruck dessen, was Patanjali mit dem Konzept der „Vrittis“ beschreibt: Vrittis sind subtile Wellen, die durch unsere Reaktion auf Reize von innen oder aussen entstehen. Diese Wellen hindern uns an einer längeren Konzentration, denn sie erzeugen Eindrücke (Samskaras) in unserem Bewusstsein, die wiederum auf bestimmte Reize reagieren. Diese Neuausrichtung (in der indischen Philosophie auch Fluktuation oder Modifikation genannt) findet auf verschiedenen Ebenen statt: Jeder neue Gedanke, jede Gefühlsregung und auch jede neue Ausrichtung des Blicks zeugt von einer Beendigung und Neuanfang der Konzentration. Die oder der Meditierende versucht solche Neuausrichtungen zu unterdrücken; wie sehr uns dies bereits gelingt, können wir durch die Meditation über unsere Punkte und Fäden direkt feststellen.

Mit zunehmender Erfahrung im Sehen erreichen wir die zweite Stufe, die Konzentration (Dharana). Sie zeigt sich darin, dass wir die Punkte und Fäden besser und länger im Blickfeld halten können, und dass sie allmählich kleiner, schärfer und leuchtender werden. Auch Patanjali spricht in mehreren Versen von einer Steigerung des Lichts, das in der Meditation geschieht und nennt das „strahlende Licht“ (Jyotishmat oder Aloka) als möglichen Konzentrationsgegenstand, welcher zum Wissen um das Subtile, Verdeckte und Entfernte führe. Dieses Licht kann in den Punkten und Fäden direkt gesehen werden; dies ist der Grund, weshalb Nestor von einer leuchtenden Bewusstseinsstruktur bzw. Leuchtstruktur spricht.

Gelingt es uns, die Punkte und Fäden längere Zeit ohne Neuausrichtung des Blicks festzuhalten, haben wir die Stufe der Meditation (Dhyana) erreicht. Die Punkte sind nun ruhig, fliessen nur noch wenig und leuchten klar. Unsere Aufmerksamkeit ist nun ununterbrochen auf die Punkte und Fäden der rechten oder der linken Seite ausgerichtet, der innere Sinn dominiert die fünf physiologischen Sinne.

In der letzten Stufe, der Kontemplation (Samadhi), ruhen unsere fünf Sinne nun vollends. Der innere Sinn ist vollständig erwacht und lässt uns unmittelbar und mit grosser Intensität die wahre Bedeutung dieser Kugeln und Fäden und ihre Beziehung zu uns selbst erkennen und fühlen. In der indischen Philosophie hat die kontemplative Erkenntnis oft eine mystische Qualität, insofern der Seher mit dem Gesehenen identisch wird und dabei die befreiende Erkenntnis seines wahren Selbstes erfährt.

Literatur

T. K. V. Desikachar: Yoga. Tradition und Erfahrung. Die Praxis des Yoga nach dem Yoga Sutra des Patañjali, Petersberg (Via Nova) 1997

Swami Vivekananda: Raja-Yoga. Der Pfad der vollkommenen Beherrschung aller seelischen Vorgänge, Freiburg im Breisgau 1995 (1988)

J. D. Lewis-Williams / T. A. Dowson: The Signs of All Times, in: Current Anthropology, vol. 29, nr. 2, April 1988

Floco Tausin: Mouches Volantes. Die Leuchtstruktur des Bewusstseins, Bern (Leuchtstruktur Verlag) 2004



Reaktionen:
Mücken im Blick, von Dietrich zur Nedden


Ist zwar schon zwei Jahre her, macht aber nix: Der deutsche Publizist und Moderator Dietrich zur Nedden hat für die deutsche „Tageszeitung“ (TAZ) einen Artikel mit dem Titel „Mücken im Blick“ verfasst, der am 18. August 2004 in der Rubrik „Die Wahrheit“ erschienen ist.

Die Äuglein vor dem Weltgeschehen zu verschließen - Klappen runter, nüscht mehr sehen, das Treiben rundum? Mir doch schnuppe! -, ist eine simplifizierende, kindische Reaktion. Als gesellschaftlich vorbildhaftes, verantwortungsvolles Verhalten wird es im Allgemeinen nicht gewertet, es sei denn, der ordnungs-, nein naturgemäße Schlummer ist es, der die Augendeckel schließt. Manchmal ist einem trotzdem nach eskapistischen Eskapaden jener Art, zumal man das Gefühl nicht loswird, mehr als genug andere dösen mit offenen Augen, die nächsten haben Schablonen eingebaut irgendwo auf dem Streckenabschnitt zwischen Netzhaut und Hirn, und dementsprechend geformt ist ihre Welt- und Selbstbetrachtung. Ganz beiläufig nahm ich als Kind eines Tages wahr, dass man etwas sieht, wenn man spaßeshalber die Augen mal für eine kurze Weile geschlossen hält. Ein Schweben, ein Gleiten frickeliger Fädchen und Fusseln, die wie auf einer Leinwand vor der Rückseite der Lider herumgeisterten. Verfolgte man die trickreichen Biester, bewegten sie sich mit, ruckartig beschleunigend manchmal, um gleich darauf geruhsam oder träge wieder herumzudümpeln, als ob sie mit dem Zuschauer ein bisschen Schabernack treiben wollten. Weil die Vorführung selbstverständlich und praktisch jederzeit abrufbar war, irgendwann dann auch offenenen Auges, ging ich davon aus, dass jeder sie kennt. Es war unnötig und überflüssig, darüber zu sprechen. Und wo genau der körpereigene Projektor und die Projektionsfläche sich befanden - auf der Rückseite der Hornhaut, im Kammerwasser, im Innern der Linse oder des Glaskörpers - war nicht von geringstem Interesse. Ein neues Licht, um wenn schon nicht bravourös, dann wenigstens brav im Bild zu bleiben, fiel auf die kleinteiligen optischen Phänomene, als ich sie in irgendeinem Roman beschrieben fand. Das Sonderbare war nicht, dass sie einen Namen haben, sondern welchen: Mouches volantes, fliegende Mücken, heißen sie, und ich beschloss sofort, ausschließlich die französische, bedeutend distinguierter klingende Version zu verwenden. Noch erstaunlicher aber war dann der Hinweis, dass angeblich keineswegs jeder Mensch dieser kurzfristig ablenkenden Attraktion teilhaftig werden kann. Die Mouches volantes sind, im klinischen Wörterbuch aufgeführt, schnöde Glaskörpertrübungen. Gelegentlich streute ich diese sensationellen Informationen im Freundeskreis aus und erfuhr, dass diese Mückenart so selten nun auch wieder nicht fliegt. Eine Freundin fasst sie wie einen Bildschirmschoner auf, den sie ab und zu aktiviert; ein Bekannter, dessen Namen ich geflissentlich verschweige, hat im Internet erfahren (wo man bekanntlich Millionen trüber Quellen, die Millionen trübe Tassen speisen, finden kann), dass Mouches volantes leuchtende Indizien für ein selbstverständlich höher entwickeltes Bewusstsein wären und - "angereichert mit innerem Licht" - dabei mithelfen, die Welt wenn schon vielleicht nicht umgehend zu retten, dann wenigstens zum Besseren zu verändern. Die These kann ich angesichts der Filme in meinem Kopf voll Suff und Kino nicht bestätigen.

Quelle:
Tageszeitung (TAZ), 18. August 2004, Rubrik: „Die Wahrheit“, S. 20 (Hervorhebungen von mir)

 



Übrigens ...
Nachbilder und Teufel: Papa Darwins muscae volitantes


Dass die Augenärzteschaft heute Mouches volantes allgemein als Glaskörpertrübungen versteht, ist eine Entwicklung, die sich über Jahrhunderte hingezogen hat. Verschiedene Ärzte und Optiker haben zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Erscheinungen mit dem Begriff „Mouches volantes“ verbunden. So z.B. der britische Arzt Robert Waring Darwin, der Mouches volantes im 18. Jahrhundert als Nachbilder verstand und ihnen gleich noch den Teufel austrieb.


Während sein Sohn Charles Darwin folgenschwere Schlüsse aus der südamerikanischen und neuseeländischen Fauna und Flora zog, die sich vor seinen Augen abspielte, beschäftigte sich Robert Waring Darwin (1766-1848) u.a. mit Phänomenen innerhalb seiner Augen. Ganz im Sinne der Aufklärung suchte er Ende des 18. Jh. rationale Erklärungen über beobachtbare subjektive visuelle Erscheinungen. In seiner Schrift „New Experiments on the Ocular Spectra of Light and Colours”, die er zusammen mit seinem Vater Erasmus Darwin in der Philosophical Transactions of the Royal Society of London 1786 veröffentlicht hat, gliedert er subjektive visuelle Phänomene, die er „ocular spectra“ nennt, nach verschiedenen Zuständen der Retina, sowie nach Form und Farbe.

Wie bei allen von ihm behandelten Phänomenen, liefert uns Darwin auch bei den „muscae volitantes“ eine detaillierte Anleitung, wie das Phänomen sichtbar gemacht werden kann: Man lege ein Quadrat aus weissem Papier mit ca. 1 cm Seitenlänge auf einen schwarzen Hut und betrachte dieses eine Weile. Blickt man anschliessend auf eine weisse Fläche, so erscheine nach einiger Zeit ein schwarzes Quadrat. Dieselbe Beobachtung könne man mit einem Blick in die Sonne machen, welche sich darauf ebenfalls abbilden würde. Darwin erklärt diese Wahrnehmung mit einer verminderten Sensibilität der Netzhaut.

Damit hat Darwin ein Phänomen beschrieben, das wir heute als „Nachbild“ kennen. Für ihn jedoch sei dies die Ursache der dunkel gefärbten Mouches volantes, die dauernd wegzuschwimmen scheinen, wenn man den Blick direkt auf sie richten wolle. Der Arzt widerspricht hier ausdrücklich der Auffassung der Zeit, dass Mouches volantes irgendwelche Teilchen im Glaskörper des Auges seien. Als Begründung führt er an, dass sich diese „dark spectra“ nur durch unsere Augenbewegungen hin und herbewegten. Hielten wir dagegen unsere Augen ruhig, könnten wir aus den Augenwinkeln erkennen, dass sie sich gar nicht bewegten – also könnten es auch keine Teilchen im Glaskörper sein sondern müsse mit der Netzhaut zusammenhängen. Daraus können wir folgern, dass Robert Darwin die beweglichen Punkte und Fäden, die wir als Mouches volantes kennen, nicht wahrnehmen konnte oder sie mit einem anderen Begriff in Verbindung brachte.

Nun macht sich Darwin daran, die von ihm so beschriebenen Mouches volantes als Ursache für so manche Wahnvorstellung zu beschreiben, welche übermüdete und kranke Menschen teilweise aufweisen würden. So zum Beispiel der italienische Renaissancekünstler Benvenuto Cellini (1500-1571). Cellini, von dem ein bewegtes Leben überliefert ist, habe mit Gefährten und einem Beschwörer eine Nacht auf einem abgelegenen Berg verbracht und Zeremonien durchgeführt um den Teufel erscheinen zu lassen. Am nächsten Morgen, auf dem Weg nach Rom zurück, hätten die Männer bei Sonnenaufgang jede Menge kleine Teufel auf den Hausdächern tanzen sehen – was Darwin auf eine Mischung von „muscae volitantes“, Übermüdung und Aberglaube zurückführte.

Papa Darwin treibt damit den fliegenden Mücken buchstäblich den Teufel aus und gibt solchen erweiterten Wahrnehmungen eine rationale Grundlage. Hat er (und die neuzeitliche Augenheilkunde) uns damit einen Dienst erwiesen? Jein. Der Versuch, subjektive visuelle Phänomene wie die Mouches volantes durch die Vernunft zu begreifen, ist bestimmt ein geistesgeschichtlicher Fortschritt – beispielsweise gegenüber dem Spätmittelalter, als Menschen, die subjektive Wahrnehmungen mit un- oder antichristlichen Inhalten mitteilten, mitunter ein lebensgefährliches Risiko eingingen.
Für einen Menschen dagegen, der nicht in erster Linie das Denken und die Vernunft, sondern seine konkret beobachteten subjektiven Phänomene als Maasstab für seine Bewusstseinsentwicklung und Weltdeutung nimmt, ist eine solche Reduktion seiner Wahrnehmungen auf Physiologie und unorthodoxen Glauben lächerlich. Die Aufklärung des Denkens genügt somit nicht; wir brauchen dringend auch eine Aufklärung der Wahrnehmung.

Quelle:
New Experiments on the Ocular Spectra of Light and Colours. By Robert Waring Darwin, M. D.; Communicated by Erasmus Darwin, M. D. F. R. S., in: Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Vol. 76 (1786), 313-348

 



Zu guter Letzt:
Feedback des Quartals


„Nachdem ich dein Buch gelesen hab, fuhr ich ins Emmental um Nestor zu finden.
Seit Jahren wünsche ich mir die Bekantschaft eines Menschen wie Nestor.
Die die nur schreiben und reden gibt es an jeder Ecke. Was ist Wahrheit an deinem Buch?“

-- Theo aus Deutschland

Herzlichen Dank, Theo. Ich schreibe nicht nur über das, was Nestor als Wahrheit versteht, sondern bemühe mich täglich es nachzuvollziehen und zu verwirklichen!

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