| exte
Link zur
Mouches
Volantes Website und Buch (German)
Link to the Eye
Floaters Website
and book
(English)
Texte aus dem Buch:
Link zu den Buchbesprechungen (Rezensionen)
Mouches Volantes
Die Leuchtstruktur des Bewusstseins
Floco Tausin
(ISBN: 978-3033021570;
376 Seiten; 15.2
cm x 22.9 cm)
- Kapitel „Kreisfiguren mit Doppelmembran“
-
Kapitel „Das verrückte Tanzen“
-
Kapitel „Mouches volantes“
-
Kapitel „Die Schichten des Bewusstseins“
-
Kapitel „Das Leuchten der Grundstruktur“
Kapitel
„Kreisfiguren mit Doppelmembran“, S. 94f.
Im folgenden Spätsommer
kam der Tag, an dem ich mich mit meinen Unterlagen auf den Weg ins
Emmental machte. Bei Nestor angekommen, dauerte es nicht lange,
bis wir auf die Nachbilder zu sprechen kamen. Er verkündete
nämlich, dass er ein stabileres Hüenerstängeli
gezimmert habe, das ich für das Sehen der Nachbilder im Hühnerstall
verwenden könne.
Die Chance packend, konterte ich sogleich, zog die Wirksamkeit des
Nachbildsehens in Zweifel und begründete dies mit den Resultaten
meiner Nachforschungen.
»Im menschlichen Auge gibt es zwei Arten von Sehzellen: die
längeren Stäbchen und die kürzeren Zäpfchen«,
las ich ihm aus meinen Notizen vor. »Bei den Zäpfchen
werden wiederum drei Typen unterschieden, nämlich solche, die
auf rote, auf blaue und auf grüne Farbwahrnehmungen ansprechen.
Unser physiologisches Sehsystem beruht auf der additiven Farbmischung,
das heisst, dass die verschiedenen Farben durch die unterschiedliche
Anregung dieser drei Zäpfchenzellen zusammengesetzt werden:
Blau sehen wir dann, wenn nur die blauen Zapfen angeregt werden;
gelb sehen wir, wenn die roten und die grünen Zäpfchen
zu gleichen Teilen angeregt werden. Wenn wir weiss sehen, werden
alle Zäpfchen gleichermassen beansprucht. Aus rot, grün
und blau werden alle Farben gemischt, die wir wahrnehmen können.
Wenn wir nun längere Zeit einen roten Gegenstand betrachten,
zum Beispiel eine rote Tasse, so werden die roten Zäpfchen
beansprucht. Mit der Zeit erschöpft sich aber deren Farbstoff,
das heisst ihre Leistung verringert sich. Wenn wir daher nun auf
eine weisse Fläche blicken, so fehlt die Leistung derjenigen
Rotzäpfchen, welche wir vorher beansprucht haben, während
die Zäpfchen Blau und Grün noch zu gleichen Teilen leistungsfähig
sind. Daher sehen wir die Form der Tasse in der Farbmischung Blau
und Grün, also in Türkis, welches somit die Komplementärfarbe
zu Rot ist. Diese türkisfarbene Tasse wird als ›negatives
Nachbild‹ bezeichnet.«
Ich blickte zu Nestor. Er zuckte defensiv mit der Achsel.
»Das ist Wissen, Nestor«, bekräftigte ich meine
Ausführungen. »Das ist wissenschaftlich erhärtetes
Wissen.«
»Es ist kein direktes Wissen«, erwiderte er. »Deshalb
wird dich dieses Wissen bei der vollkommenen Restauration nicht
weiterbringen. Wen interessiert schon, wie die Nachbilder zustande
kommen? Um zu wissen, was sie wirklich sind, musst du sie sehen,
nicht darüber lesen und nachdenken.«
»Nachbilder sind eine Leistungseinbusse der Augenrezeptoren.
Das wurde nachgewiesen.«
Ich hielt ihm meine Unterlagen hin. Er nahm die Blätter und
schaute sie an. Aber er las sie nicht, er überflog sie nur,
und das verärgerte mich.
Nestor schüttelte den Kopf. »Und jetzt?« fragte
er mich. Seine Stimme klang ernst, und sein Blick war streng.
»Du hast es gar nicht gelesen«, warf ich ihm vor.
»Ich brauche das nicht zu lesen. Ich weiss, was die Nachbilder
sind«, behauptete er.
»Aber du verfälschst sie«, rief ich wütend.
In diesem Moment fühlte ich einen stechenden Schmerz unterhalb
des Nabels, worauf mein Herz zu pochen begann, so als wäre
ich kilometerweit gerannt.
Mit zitternder Stimme versuchte ich, meinen Standpunkt zu verteidigen.
»Du sprichst von den Nachbildern, als würde es sich dabei
um eine reale Welt handeln, analog zu unserer Welt. Dabei geht es
doch nur um physikalische Reize und biochemische Prozesse im Auge
selbst.«
»Richtig«, bestätigte er ironisch. »So wie
auch dein ganzes Leben aus physikalischen Reizen und biochemischen
Prozessen besteht – da ist nichts weiter.« Nestor gab
mir meine Unterlagen zurück.
»Sei nicht naiv«, sagte er sanft. »Such deinen
Halt nicht in dem Gekritzel da. Die Nachbilder sind tatsächlich
eine reale innere Welt. Eine Welt, die du erst mal richtig sehen
lernen musst. Es geht hier nicht um das Wissen der physiologischen
Vorgänge im Auge. Was auf deinen Zetteln steht, mag für
die wissenschaftliche Welt zutreffen – aber es hat keinen
Wert für uns. Für uns geht es darum, die Nachbilder wahrzunehmen
und die innere Leinwand kennen zu lernen. Dazu musst du aber aufhören,
deine Erlebnisse auf materielle Vorgänge zurückzuführen.
Damit gibst du nur dauernd deine kleine Welt in das Bild, und das
lenkt dich vom Wahrnehmen der inneren Leinwand ab.«
Kapitel
„Das verrückte Tanzen“, S. 181f.
Ich erzählte
Nestor von dieser Trübung. Er gab sich ungewöhnlich interessiert
und stellte mir allerlei Fragen, etwa, ob das Ding eher hell oder
eher dunkel sei; welche Form es habe; ob ich nur einen einzigen,
oder ob ich mehrere solcher Flecken sehen würde. Ich beschrieb
ihm so gut als möglich, was ich wahrgenommen hatte.
»Ist dieser Fleck ständig im Fluss?« fragte er
weiter.
»Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube schon.«
»Glauben bringt uns hier nicht weiter«, sagte er scharf.
»Wenn du es nicht weisst, dann schau den Fleck eben an.«
»Warum? Ist das irgendwie wichtig?« fragte ich, gereizt
wegen seiner Zurechtweisung.
»Es könnte dein Leben verändern«, gab er zur
Antwort.
Seine Worte hatten etwas Bedrohliches an sich. Nichts hätte
ich in diesem Moment lieber getan, als die Situation zu klären,
ihn zu fragen, wie er das genau gemeint habe. Nestor aber drängte
mich, die Trübung weiterhin anzuschauen.
Ich schaute erneut in die aufgehende Sonne und versuchte mich anschliessend
ganz auf das Nachbild zu konzentrieren. Als ich es über den
Himmel schob, schwang bald darauf auch jener Fleck wieder mit. Sofort
versuchte ich diesen anzuschauen, doch das funktionierte nicht,
denn gerade in dem Moment floss er aus meinem Blickfeld. Ich versuchte
es noch einige Male, aber ich verzweifelte beinahe bei diesen Versuchen.
Es hatte den Anschein, als ob ich selbst jene Trübung mit meinen
Augen wegwischen würde, sobald ich sie anschauen wollte.
»Ich kann die Trübung nicht richtig sehen, Nestor. Sie
geht dauernd weg.«
»Versuche sie wie die Nachbilder festzuhalten«, riet
er. »Schiebe sie kraftvoll nach oben. Wenn du sie siehst,
dann schiebe sie hin und her, so dass sie möglichst lange in
deinem Blickfeld bleibt. Beobachte, wie sie fliesst.«
Allmählich konnte ich die Trübung länger in meinem
Blickfeld sehen. Dabei stellte ich fest, dass es sich um eine Überlagerung
von Ringen und Punkten verschiedener Grössen handelte, teils
verschwommen, teils etwas schärfer. Erkennen konnte ich diese
nur dank ihren mehr oder weniger deutlichen Konturen, denn sie waren
farblos und völlig durchsichtig.
Ich teilte Nestor meine Erkenntnis mit. Er schien zufrieden und
lächelte. Er fand, dies sei wirklich eine kleine Bewusstwerdung
und forderte mich auf, meine Konzentration ab jetzt auf jene Punkte
zu richten.
»Aber was ist es?« fragte ich ihn.
Er schwieg sich genüsslich aus, bevor er antwortete.
»Was du gesehen hast«, erklärte er geheimnisvoll,
»ist ein kleiner Ausschnitt aus der Grundstruktur des Bildes.«
»Grundstruktur?«
»Grundstruktur«, rief er lachend und imitierte mein
verblüfftes Gesicht. »Das Gerüst eben, auf welchem
die ganze Kulisse hier aufgezogen ist.«
Kapitel
„Mouches volantes“, S. 189f.
Zurück
in meiner gewohnten Umgebung aber, wo alles seine rationale Erklärung
hatte und haben musste, verflüchtigten sich meine Vorsätze
und Einsichten schnell einmal. Ich musste wissen, was es wirklich
war, das sich da vor meinen Augen hin- und herbewegte und das ich
anstarren sollte – um eventuelle Risiken auszuschliessen.
Ich liess daher meine Augen von einem Augenarzt untersuchen. Der
beruhigte mich und teilte mir mit, dass es sich bei diesen Trübungen
um abgesonderte Teilchen im Glaskörper handle. Er nannte sie
mouches volantes, ein lästiges und weit verbreitetes,
aber harmloses Phänomen. Behandelbar sei es nicht, ich müsse
lernen, damit zu leben. Er riet mir, am besten gar nicht darauf
zu achten.
Ich musste es aber genauer wissen und begann mich über die
Trübungen zu informieren. ›Mouches volantes‹, fand
ich heraus, ist sowohl in der französischen als auch in der
deutschsprachigen Augenheilkunde die allgemeine Bezeichnung für
dieses Phänomen. Der geläufige deutsche Ausdruck lautet
›Glaskörpertrübungen‹ oder auch ›fliegende
Mücken‹ und ›Mückensehen‹. Im angelsächsischen
Raum sind die Punkte und Fäden als floaters bekannt.
Weiter gibt es eine Vielzahl von umschreibenden Bezeichnungen: dunkle
Flecken, Schlieren, dünne Haare, kleine schwarze Fuseln, Flusen,
Staubfussel, Würmchen, Ringlein, Flitterchen, Spinnennetze,
Fasern, Kreise und längliche Ketten – nebst Punkten und
Fäden samt ihrer verniedlichten Form.
Mouches volantes werden als ›entoptische Erscheinung‹
klassifiziert. Dies sind Wahrnehmungen von Objekten, die der Betrachter
zwar ausserhalb von sich zu sehen glaubt, die aber in Wirklichkeit
innerhalb seines Auges liegen. Mouches volantes werden gegen andere
solche Erscheinungen abgegrenzt, beispielsweise gegen Purkinjes
Gefässschattenfigur, also die Wahrnehmung von Äderchen
der Augenwand bei seitlicher Lichteinstrahlung in die Augen; oder
gegen die ›Sternchen‹, blitzartig aufleuchtende, sich
in gewundenen Bahnen bewegende Kügelchen, die auf niedrigen
Blutdruck zurückzuführen sind. Hinter dem Begriff der
Mouches volantes verbirgt sich jedoch eine Vielzahl von unterschiedlichen
Auffassungen und Erklärungen, sowohl was die Natur der flottierenden
Partikel betrifft als auch deren Ursachen und genaue Lokalität
im Auge.
Kapitel
„Mouches volantes“, S. 198f.
Tatsächlich
funktionieren diese medizinischen Verfahren sehr schlecht: Die Bedingungen
für eine erfolgreiche Behandlung der Mouches volantes sind
so streng, dass dafür praktisch nur solche Patienten in Betracht
kommen, die an irgendwelchen gravierenden Schäden im Auge leiden.
Patienten jedoch, die lediglich harmlose Glaskörpertrübungen
aufweisen, werden von seriösen Ärzten meist abgewiesen.
Das gilt insbesondere für die Laserbehandlung: Denn oft kann
das, was üblicherweise mit dem Namen ›Mouches volantes‹
in Verbindung gebracht wird, von den Augenärzten objektiv gar
nicht festgestellt, also nicht gesehen und nicht fotografiert werden.
Mit dem Laser lassen sich aber nur solche Partikel im Auge verdampfen,
die von den Spezialisten auch festgestellt und lokalisiert werden
können. Im Falle der Vitrektomie liegen die Dinge anders: Hier
spielt das Feststellen der Mouches volantes keine Rolle, da ohnehin
der ganze Glaskörper oder ein Teil in der Sehachse entfernt
wird.
Ich sagte zu Nestor, unsere Medizintechnik sei einfach noch zu wenig
ausgereift, um alle Arten von Mouches volantes festzustellen und
effektiv und risikolos zu behandeln; aber dies sei trotzdem kein
Beleg dafür, dass es sich bei den fliegenden Mücken um
etwas anderes handle als um Partikel im Auge.
Dann machte ich ihn auf ein zweites Problem aufmerksam, das mit
dem der Feststellung und Behandlung eng verknüpft war: die
inhaltliche Bedeutung des Begriffs ›Mouches volantes‹.
Nicht nur in den Köpfen der Betroffenen, sondern auch in der
Fachliteratur schien mir dieser Begriff zu wenig gegen solche Erscheinungen
abgegrenzt zu sein, die auf ernst zu nehmende Netzhautschäden
verwiesen.
Wenn von ›Mouches volantes‹, oder mehr noch im angelsächsischen
Raum von floaters gesprochen wird, dann schwingen gleichzeitig
all die Erkrankungen und Verletzungen der Netzhaut mit – obwohl
diese in ihrer Erscheinung ganz anders beschrieben werden, als die
einzelnen Pünktchen und Fädchen: nämlich als unbewegliche
flächendeckende Verdunklungen des Blickfeldes, ›Skotome‹
genannt, die bisweilen als Russ oder Russregen charakterisiert werden;
dazu tritt die Wahrnehmung von hellen Lichtblitzen, bekannt als
›Photome‹; schliesslich gehören auch die Wahrnehmungen
von gelblichen oder rötlichen Flecken dazu – durch Augenkrankheiten
verursachte Einlagerungen im Glaskörper.
Dies wird wohl der Grund sein, warum diese in der Mehrzahl harmlosen
und transparenten Punkte und Fäden, wenn sie als ›Mouches
volantes‹ oder floaters betitelt werden, manchen
Menschen als beunruhigend oder sogar gefährlich erscheinen,
so dass sie sie um jeden Preis weghaben wollen. Hier hätte
man argumentieren können, dass ein Mensch, der durch eine erfolgreiche
Laserbehandlung oder Vitrektomie von seinen Mouches volantes oder
floaters befreit wurde, tatsächlich irgendwelche Teilchen im
Auge hatte – aber nicht jene Punkte und Fäden, die Nestor
als ›Grundstruktur des Bildes‹ beschrieb.
Kapitel
„Die Schichten des Bewusstseins“, S. 247f.
»Nestor
hat von dir erzählt«, fuhr sie fort. »Du besuchst
ihn regelmässig um dieses Möbel zu restaurieren.«
»Ich weiss nicht, ob ich mit der Restauration noch in diesem
Leben fertig werde«, witzelte ich. Anstatt zu lachen pflichtete
sie mir bei, dass dies gewiss eine schwierige Aufgabe sei.
»Du ahnst gar nicht, wie Recht du hast«, prahlte ich.
»Dieses Möbel ist von einem besonderen Menschen erbaut
worden, von dem ich nur allzu gern wüsste, wer er war und was
er in seinem Leben getan hat.«
Sie war der Ansicht, dass bereits das aufmerksame Betrachten eines
Gegenstandes Aufschluss über den Erbauer und über das
geben könne, was ihm in seinem Leben wichtig gewesen sei. Ich
widersprach, dass es sich bei dieser Art ›Aufschluss‹
nur um Interpretationen handle. Um wirklich etwas über den
Erbauer zu erfahren, müsse man methodisch vorgehen. Ich schilderte
ihr, wie ich dem Namen auf dem Möbel nachgegangen war und die
Emmentaler Geschichte des 19. Jahrhunderts aufgearbeitet hatte um
die gewünschten Antworten zu erhalten.
Dann kam ich schnell auf Nestor und die vollkommene Restauration
zu sprechen. Ich wurde richtig gesprächig und begann von den
schwierigen Übungen zu schwärmen, die Nestor und ich zum
Zwecke der vollkommenen Restauration ausführen würden.
Ich erzählte ihr auch von den Mouches volantes, die Partikel
des Grundgerüstes unserer materiellen Welt seien. Durch eine
strenge, disziplinierte Lebensweise könnten wir sie in uns
entwickeln, vergrössern und damit – unglaublich, aber
wahr – als erste Wirkung unseres Bewusstseins erkennen. Abenteuerlich
deutete ich an, dass es sich bei Nestor, mir und unseren Nachbarn
auf der linken Seite der Emme um eine Art Geheimbund handle, eine
uralte mystische Gemeinschaft, die nach der Überwindung der
Dualität und nach Vollkommenheit strebte.
»Die Restauration dieses Möbels«, sagte ich schliesslich
überspitzt, »ist für Nestor und mich der Schlüssel
zum Verständnis dessen, wer der Erbauer oder die Erbauerin
war und wie diese Person nach Vollkommenheit gestrebt hat.«
Ich fühlte mich erschöpft. Eigenartigerweise hatte mir
das Sprechen eine ungewohnt hohe Konzentration abgefordert. Es war,
als hätte ich gegen eine erdrückende Kraft ansprechen
müssen, um die junge Frau überhaupt erreichen und überzeugen
zu können. Jene stand noch immer an die Wand gelehnt. Die ganze
Zeit hatte sie geschwiegen und mir zugehört.
»Ja, die Restauration von Mari Eglis Möbel wird dir sicher
weiterhin eine erlebnisreiche Zeit bescheren«, meinte sie
lapidar.
Beim Namen ›Mari Egli‹ horchte ich auf: Woher wusste
die Rothaarige, dass dieser Name auf dem Möbel stand? Ich hatte
ihn vorhin nämlich nicht erwähnt.
»Weisst du von Nestor, dass dieses Möbel einer Mari Egli
gehörte?«
»Nein«, erwiderte sie kindlich. »Ich habe das
Möbel selbst gesehen. Viele Male. Ich bin ja hin und wieder
bei Nestor.«
»Du bist hin und wieder bei Nestor?« fragte ich verwirrt.
»Klar. Wir sind Nachbarn. Mein Haus steht oberhalb von seinem.«
Sie schmunzelte.
Mir schoss das Blut in den Kopf und mein Puls erhöhte sich.
Die ganze Zeit war ich davon ausgegangen, dass sie und Nestor sich
per Zufall auf der Party kennen gelernt hatten und ihre Bekanntschaft
nur flüchtig war, dass die junge Frau also nichts von Mouches
volantes, Sehern und vollkommener Restauration wusste. Nestor hatte
aber mehr als einmal erwähnt, dass nur Seher auf der linken
Seite der Emme ständig leben könnten. Diese Frau war demnach
eine Seherin und wusste über alles genau Bescheid! Ich wagte
mich kaum zu erinnern, was ich ihr eben alles vorgeprahlt hatte.
Die Rothaarige hatte mich eiskalt in eine Falle tappen lassen.
Ich versuchte ruhig zu bleiben und mit Sprüchen von der peinlichen
Situation abzulenken. Der Wille aber unterlag dem Körper: Zu
schnell war mein Herzschlag, zu unregelmässig mein Atem und
daher zu zittrig meine Stimme. Die Schande liess mich schliesslich
in ein blockiertes Schweigen fallen. Ich suchte im Gesicht der jungen
Frau nach einem klärenden Ausdruck, mit dem sie sich ihres
Triumphes versicherte und mich in die Schranken verwies. Aber ich
suchte vergeblich – da war überhaupt kein Ausdruck in
ihren Augen und ihrem Gesicht. Das gab mir endgültig die Gewissheit,
dass die Rothaarige eine Seherin war, eine Frau, die ihre Energie
in das Bild als ein Ganzes geben konnte und daher fähig war,
mit ihrer vollen Aufmerksamkeit im Bild präsent zu sein, ohne
darüber zu urteilen oder etwas daran verändern zu wollen.
Kapitel
„Das Leuchten der Grundstruktur“, S. 297f.
Ich fixierte
einen vertrauten Faden. Eine längere Zeit spielte ich damit,
hielt ihn so gut als möglich in der Mitte des Bildes oder schob
ihn horizontal über den leicht dunstigen hellen Himmel. Je
länger ich dies aber tat, desto mehr veränderte er sich:
Zu meinem Erstaunen wurde der eigentlich transparente Faden nicht
nur kleiner und schärfer – er begann auch zu leuchten.
Ich merkte schnell, dass das Sehen des Fadens in diesem leuchtenden
Zustand nichts Dauerhaftes war: Eine falsche, zu heftige oder zu
lasche Augenbewegung oder ein Blick auf die Umgebung genügte,
damit er auf einen Schlag wieder grösser wurde und seine Leuchtkraft
verlor. Mehrmals konzentrierte ich mich darauf, und jedes Mal stellte
sich das Leuchten nach einiger Zeit erneut ein. Bei längerer
Konzentration leuchtete der Faden intensiver, heller als die Umgebung;
gleichzeitig erkannte ich dasselbe Leuchten aber auch in den Punkten
und Fäden um diesen herum.
Aufgeregt erzählte ich Nestor von meiner Wahrnehmung.
»Was du gesehen hast, ist das Licht des Bewusstseins«,
sagte er wie selbstverständlich. »Du kannst es sehen,
weil du die Bewusstseinsschichten zusammengedrückt und verdichtet
hast, ohne dich aber körperlich zu bewegen.«
Ich fragte ihn, was das bedeute. Anstatt zu antworten zeigte Nestor
auf einen hellen grossen Stein zu unserer Rechten und forderte mich
auf, meinen Faden über diesem Stein zu sehen. Als ich den Faden
einigermassen darüber halten konnte, hiess er mich, auf den
Stein zuzugehen, ohne meinen Blick vom Faden abzuwenden. Erst nach
etlichen Anläufen gelang es mir, den Faden auf der Höhe
zu halten und gleichzeitig so nahe an den Stein zu gelangen, dass
ich ihn beinahe mit meiner Nasenspitze berührte. Verwundert
stellte ich fest, dass der Faden beim Näherkommen genauso verkleinert
und leuchtend wurde, wie ich es vorhin am Himmel beobachtet hatte.
Dann forderte mich Nestor auf, meinen Arm auszustrecken und den
Faden auf meiner Handfläche zu sehen. Ich sollte nun die Handfläche
dicht vor mein Gesicht halten, meinen Blick noch immer auf den Faden
gerichtet. Auch hier passierte wieder dasselbe: je näher ich
die Hand vor mein Gesicht hielt, desto kleiner und leuchtender wurde
der Faden.
»Das ist Konzentration«, erklärte Nestor schliesslich.
»Das Licht des Bewusstseins wird durch deine Konzentration
besser sichtbar. Im Sehen kannst du direkt erfahren, was Konzentration
eigentlich ist: Es ist ein Kleinermachen des Ausschnitts, den du
siehst. Und dabei verteilst du das Licht im Bild auf kleinerem Raum.
Oder mit anderen Worten: Du komprimierst deine Bewusstseinsschichten.
Wenn du auf einen Gegenstand zugehst oder ihn an dich heranziehst,
so bedeutet das auf der äusseren Leinwand, dass du einen kleineren
Ausschnitt des Gegenstandes grösser, detailreicher und schärfer
betrachten kannst. Dasselbe hast du gemacht, als wir über die
Schichten des Bewusstseins sprachen und du dir deine Tasse an die
Stirn gepresst hast – damals konntest du aber nicht sehen,
was gleichzeitig auf der inneren Leinwand mit deiner Grundstruktur
passiert. Jetzt siehst du direkt, dass die Kugeln und Fäden
kleiner, aber konzentrierter, intensiver, leuchtender werden –
das ist Konzentration.«
Nestor nannte es einen Fortschritt, dass ich jetzt nicht mehr auf
die äussere Leinwand schauen müsse, um mich zu konzentrieren.
Konzentration komme unabhängig von der materiellen Welt, durch
das Sehen der Grundstruktur zustande. Ich wandte ein, ich könne
mich auch auf Dinge konzentrieren, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen
etwa, ebenfalls ohne die materielle Welt direkt wahrnehmen zu müssen.
»Das ist keine echte Konzentration«, sagte Nestor bestimmt.
»Die Menschen glauben, es sei Konzentration, wenn sie über
etwas nachsinnen. Aber was macht ihre Aufmerksamkeit dabei? Sie
richtet sich dauernd neu aus. Denkende Menschen entspannen sich
immer wieder neu, wenn sie mit den Augen nichts fixieren und das
Bild nicht festhalten. Vollständige Konzentration dagegen ist,
wenn du deine Fäden und Kugeln so festhalten und zum Leuchten
bringen kannst, dass sie nicht mehr fliessen.
Heute hast du das Leuchten zum ersten Mal gesehen. Und ab heute
solltest du dich beim Sehen jedes Mal so weit konzentrieren, dass
deine Grundstruktur aufleuchtet. Das Sehen deiner Kugeln und Fäden
wird dir also stets von neuem zeigen, wie gross deine Konzentration
wirklich ist.«
|