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Lichter in der Anderswelt - Mouches volantes in der darstellenden Kunst moderner Schamanen

(Artikel von Floco Tausin, PDF-Datei)

Spricht man es aus, klingt es weich wie ein gemächlicher Wasserstrom, den zu erfassen man die Hand umsonst ausstreckt: Schaman. In diesen Strom, durch die New Age Bewegung in unseren Breitengraden populär geworden, fliessen einige unserer oft vagen Bilder, Vorstellungen und Hoffnungen eines natürlichen, freiheitlichen und kraftvollen Lebens – in diesem Fall herbeigeführt durch Trommeln, Tanz und innere Reisen.

Schamanismus

Die Kulturwissenschaften liefern Faktisches: „Shaman“ ist ursprünglich ein wahrscheinlich tungusischer Ausdruck für besondere Männer und Frauen Sibiriens und Innerasiens, die im Zentrum des religiösen Lebens einer Gemeinschaft stehen. Bevor diese Frauen und Männer als Schamanen tätig werden können, machen sie typischerweise eine Zeit der Krankheit und des Wahnsinns durch. Hier zeigt sich ihre Fähigkeit zur Ekstase und zur Vision, die dann in der Ausbildung durch ältere erfahrene Schamaninnen und Schamanen gefördert wird. Mehrere Jahre erlernen angehende Schamanen die Techniken der Ekstase und der Trance und eignen sich Wissen über die Welt der Pflanzen, Tiere und Geister an. Im abschliessenden Initiationsritual erleben sie die Zerstückelung ihres Körpers und der Austausch von Organen durch Geister oder Dämonen – sie sterben als gewöhnliche Menschen und werden als Schamanen wiedergeboren. Eingeweihte Schamaninnen im Dienst ihrer Gemeinschaft versetzen sich in Trance durch Trommeln, Tanz, Gesang und teilweise durch die Einnahme von Halluzinogenen. Sie verlassen dadurch ihren Körper und unternehmen mit Hilfe ihrer Krafttiere Seelenreisen in die Anderswelt, sei es die himmlische oder die Unterwelt, die beide durch einen Weltenbaum oder Weltberg mit der irdischen Welt verbunden sind. In diesen anderen Sphären verhandeln sie mit Geistern und Göttern, gewinnen Kenntnisse über die Zukunft, über den Verbleib verlorener Objekte oder über den Aufenthaltsort von Jagdwild; durch ihre Reisen vermögen sie Kranke zu heilen und Verstorbene auf ihrer letzten Reise zu führen und zu beschützen (Stutley, 2003; Eliade, 1957; 1987).

Die grundsätzlichen Formen des Denkens, der Initiation und der Praktiken der sibirischen Schamanen begegnen uns auch in anderen indigenen Kulturen, auf dem amerikanischen Kontinent, bei den skandinavischen Saamen und den arktischen Inuit, im aboriginalen Australien und in afrikanischen Stammesgesellschaften. Dies ist der Grund, weshalb frühe europäische Reisende und Forscher den Begriff „Schaman“ auch für jene Magier, Zauberinnen, Hexen, Medizinmänner oder Ekstatikerinnen anderer Kulturen gebrauchten. Daher sind die Anthropologen seit Jahrzehnten uneins, ob der Schamanismus tatsächlich ein universelles Phänomen ist oder ob es nur lokale Traditionen der „Magie“ gibt (Stutley, 2003; Znamenski, 2007). In der populären esoterischen Kultur der Industriestaaten hingegen erfreut sich ein der modernen Lebensweise angepasster und oft mit europäischen magischen Traditionen vermengter Schamanismus grosser Beliebtheit: Filme, Bücher, Foren und Seminare leiten zu schamanischer Denk- und Lebensweise im städtischen Alltag an...