Dies deckt sich mit den Aussagen der Emmentaler Seherinnen und Seher. Sie berichten davon, dass sich die Leuchtstruktur auch in Träumen sehen lässt. In Traumzuständen lasse sich das Sehen klarer und intensiver erfahren, das Bewusstseinslicht erscheine deutlicher, die Bedeutung der Leuchtstruktur als Trägerin dieses Lichts werde eher erkannt. Nicht zuletzt soll es in Träumen möglich sein, sich bewusst der eigenen Quelle in der Leuchtstruktur anzunähern und sogar in sie einzugehen. Doch wie lässt sich erklären, dass unser Bewusstsein in Träumen grundsätzlich intensiver, beweglicher und verständiger – also „erleuchteter“ – ist als im Wachzustand? Die Seherinnen und Seher trennen nicht strikt zwischen dem Wachen und dem Träumen. Aus ihrer Sicht ist alles Dasein in seiner Essenz leuchtendes Bewusstsein, das sich aus der Quelle auf alle Stufen bzw. Bewusstseinsschichten der Existenz ergiesst. Unser gesamtes Leben spielt sich gleichzeitig auf allen Schichten ab. Jene Schichten aber, die näher an unserer Quelle sind, erfahren wir weniger physisch, sondern energetischer, feinstofflicher und somit traumähnlicher. Es sind jene Schichten, die wir meistens während des Schlafens erreichen, zuweilen aber auch in intensiven Bewusstseinszuständen während des Wachens. Die Seher sprechen hier von den Schichten der Gefühlswelt und der Gedankenwelt, was in etwa dem Traumzustand und dem Tiefschlafzustand entspricht. Beim Träumen sind wir also nicht mehr durch die sinnlich-materielle Welt bzw. den physischen Körper eingeschränkt. Die Energie, die wir während des Wachens für die körperliche Bewegung und die sinnliche Wahrnehmung aufwenden, nutzen wir nun für die Erkundung der inneren Körper und Welten. Dennoch sind Träume nicht weniger real als das Wachbewusstsein. Im Gegenteil, in gewisser Hinsicht sind sie sogar realer, weil wir das Bewusstseinslicht hier eben in einer reineren und dynamischeren Form erfahren.
Die Ziele der seherischen Traumarbeit
Die Traumarbeit der Seher ist eher eine traumyogische als eine psychologische Arbeit: Es geht nicht in erster Linie um die Deutung von Trauminhalten. Vielmehr ist das bewusste Träumen eine von mehreren Möglichkeiten, in intensivere Bewusstseinszustände zu gelangen und diese zu nutzen, um das Bewusstseinslicht zu sehen. Konkret arbeiten Träumende auf drei seherische Zielsetzungen hin:
1) die Entwicklung der Fähigkeiten der inneren Körper, also des Gefühlskörpers und des Gedankenkörpers, um die inneren Welten bewusst zu erfahren und zu gestalten. Dies ist die Grundlage für die beiden folgenden Ziele;
2) die Beweglichkeit durch die Bewusstseinsschichten hindurch, so dass sich die Chance eröffnet, höhere Schichten und letztlich die Quelle zu erreichen. In dieser Hinsicht lässt sich das bewusste Träumen als eine Vorbereitung auf den Sprung in die linke Seite des Bewusstseins verstehen;
3) das Sehen des inneren Lichts, sei es in der Form der Leuchtstruktur oder in anderen entoptischen Formen.
Übungen für das bewusste Träumen
Die Herausforderung des bewussten Träumens besteht darin, in Träumen ein Bewusstsein und eine Kontrolle zu erlangen und aufrechtzuerhalten, die es uns erlaubt, den Traumzustand zu erkennen und aktiv zu nutzen. Dies wird durch eine Reihe von Übungen gefördert, die im Folgenden vorgestellt werden. Diese Übungen überschneiden sich teilweise mit Praktiken, die in der Literatur über das luzide Träumen vielfach benannt und erprobt sind. Teilweise handelt es sich um Übungen, die der Traumarbeit der Seher entstammen.
Vorbereitende Übungen während des Wachens
Motivation
Sei dir im Klaren, dass du mit dem bewussten Träumen im Begriff bist, etwas Schwieriges zu tun: Bewusstheit und Kontrolle in einen wenig bewussten und wenig kontrollierbaren Zustand zu bringen. Eine positive Einstellung und Motivation sind hier wichtig, sie verstärken nachweislich den Erfolg. Vergegenwärtige dir, dass deine Träume bedeutungsvoll sind und sich für die Bewusstseinsentwicklung nutzen lassen. Beschäftige dich mit dem bewussten Träumen, lies Artikel und Bücher zum Thema (siehe z.B. die Literaturliste unten). Erinnere dich an deine Ziele, die du durch dein Träumen erreichen möchtest. Führe regelmässig deine Traumübungen durch. Gib nicht auf, wenn es dir nicht sofort gelingt, sondern sei geduldig (vgl. News 3/20) – es kann Wochen oder Monate dauern, bis sich Erfolge einstellen.
Einfühlen
Finde regelmässig Zeit, dich ruhig hinzusetzen oder zu liegen und in den Körper einzufühlen, von den Zehenspitzen bis zum Kopf. Du kannst dich dabei auf einzelne Punkte in den Körpergliedern konzentrieren oder auch auf die Glieder selbst. Anregungen für diese Übung findest du in News 2/24 sowie in News 1/20. Diese Übung stärkt den Gefühlskörper und eignet sich auch als Übung für das Einschlafen (siehe unten).
Konzentration
Schliesse die Augen und konzentriere dich auf dein inneres Licht. Atme ein und beobachte die Lichtflecken auf deiner inneren Leinwand. Atme aus und entspanne deine Gesichts- und Augenmuskeln. Fahre eine Weile auf diese Weise einatmend und beobachtend sowie ausatmend und loslassend fort. Diese Übung fördert die mentale Klarheit und stärkt das innere Sehen. Sie eignet sich auch als Übung für das Einschlafen (siehe unten). Hinweis: Diese Lichtflecken sind das, was die Seher „Energiefelder“ nennen, in der Physiologie sind sie als „Phosphene“ bekannt. Zum Thema der Phosphene, vgl. die Beiträge in News 1/09 sowie News 1/23. Eine Variante der Konzentration auf die Phosphene findest du hier: News 2/19.
Aufmerksamkeit
Halte einen Moment inne und nimm bewusst wahr, was du siehst, hörst, riechst, schmeckst und fühlst. Was passiert gerade um dich herum? Gewöhne dir an, mehrmals am Tag alle Tätigkeiten einzustellen und mit allen Sinnen auf deine Umgebung zu achten. So stärkst du dein bewusstes Sein in dieser Welt. Und so wirst du später auch dein Sein in deiner Traumumgebung stärken, um den Traumzustand zu stabilisieren (siehe unten).
Prüfung des Zustands
Stelle dir im Anschluss an die Wahrnehmung der Umgebung folgende Frage: „Wache ich oder träume ich?“ Versuche, diese Frage so ernst und so ergebnisoffen wie möglich zu stellen. Um die Frage zu beantworten, prüfe den Zustand. Dies tust du, indem du Handlungen ausführst, deren Ergebnisse sich im Träumen und im Wachen markant unterscheiden. Blicke beispielsweise auf deine Hände – im Traumzustand erscheinen sie verändert: sie wabern, sind transparent oder farbig leuchtend, einzelne Finger verschwinden oder wachsen zusammen etc. Andere Möglichkeiten, den Zustand zu prüfen, sind der Versuch, mit zugehaltener Nase zu atmen (im Traum gelingt das), in die Luft zu springen (im Traum schwebt man eher, als dass man springt und fällt) oder den Finger auf einen festen Gegenstand zu pressen (im Traum gibt der Gegenstand nach oder lässt sich sogar durchdringen). Mache die Prüfung des Zustands zur Gewohnheit, so dass du sie spontan auch in Träumen ausführst und den Traumzustand eher erkennst. Wenn die Prüfung ergibt, dass du wachst, dann sage dir dies: „Ich wache“. Wenn du hingegen realisierst, dass du träumst, dann rufe aus: „Ich träume!“